Zu nichts nutze

20.01.2023

Über Jahre waren Holzfäller im Eichenwald unterwegs, um Holz zu schlagen für den Bau von Häusern, Schränken und Bänken. Einen Baum verachteten sie immer wieder. „Der ist zu nichts nutze: zu viele Äste, zu knorrig. Kein gerader Balken kommt da heraus, nicht ein einziges Brett“, meinte der Truppführer alle Jahre und spuckte aus vor dem Baum. „Nicht einmal für Brennholz ist der gut, da wird dir ja die Axt ganz stumpf.“ Und schliesslich blieb der Baum allein.

Schon lange kamen die Holzfäller nicht mehr. Vielleicht waren es ihre Kindeskinder, die in die Äste kletterten oder in seinem Schatten ausruhten.

Der Baum wuchs weiter, ging in die Breite, neigte sich, brach, verzweigte sich, lebte. Generationen von Vögeln, Käfern und anderem Getier gab er Obdach und Nahrung. Er schluckte Gewehrkugeln und bewahrte Liebesschwüre.

Zu nichts nutze? 

(nach einer alten Volkserzählung / Foto: pixabay.com)
Warum ich diese Geschichte erzähle? Kürzlich traf ich eine Frau wieder, die vor ungefähr fünf Jahren lange auf Stellensuche war. Sie war gerade 50 geworden, hatte über 20 Jahre an einem Fliessband im selben Unternehmen gearbeitet… Sie hatte nur wenig Hoffnung, wieder einen Job zu finden. Sie sagte damals zu mir: „Wer soll mich denn nehmen, ich hab doch nichts gelernt…“
Das machte wiederum mich traurig. Mir fiel diese kleine Geschichte ein und ich ermutigte sie, mal darüber nachzudenken, was sie alles gut kann und gerne macht – erstmal ganz ohne an „Job“ zu denken.
Natürlich verging eine Weile, aber ein paar Wochen später machte sie einen Kurs als Pflegehelferin SRK und fand nicht nur einen Job, sondern vor allem Freude an neuen Aufgaben bei einem Arbeitgeber, der sie förderte. Und sie erzählte stolz: „Jetzt arbeitet ich als Fachfrau für Alltagsgestaltung und Aktivierung in diesem Pflegeheim, das macht mir mega-viel Freude. Dass ich entlassen wurde und vom Fliessband weg musste, war eigentlich das Beste, was mir passieren konnte – aber damals war ich so verzweifelt…“

Geschichten, die das Leben schreibt…

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Verona Gerasch

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